Wenn die Laufzeiten fehlen, dann bleibt der Blick für das, was rechts und links der Laufstrecke liegt. Und dann ist auch Zeit zu reflektieren, was in der Vergangenheit nicht gut gelaufen ist und was mit dem Restart besser werden muss. Natürlich liese sich jetzt ein Konzept oder wieder ein Beitrag schreiben, was alles auf Verbandsebene falsch läuft. Doch das wäre nicht angebracht.
Der letztendliche Auslöser für meinen neuen Beitrag war eine Instagram-Story: "Gleichberechtigung im Sport? Oder Gerechtigkeit?" - dafür gab es nur ein kurzes lachen. Mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden.
Doch wieso ist das wichtig? Es ist wichtig, weil wir seit über 200 Jahren die schwerste Pandemie der Menscheitsgeschichte durchleben. Diese Pandemie ist gefährlicher, infektiöser und schwieriger zu behandeln, als alle anderen, die wir jemals zuvor hatten. Ihr letztes Opfer unter vielen heißt George Floyd. Ihr Name ist Rassismus. Und sie macht vor dem Sport nicht halt!
Wer das nicht glaubt, der kann gerne bei Ahmaud Arbery nachfragen, der diesen Februar beim Joggen erschossen wurde, weil man ihn für einen gesuchten Räuber hielt. Oder fragen, wie sich John Carlos oder Tommie Smith 1968 fühlten, als sie nach ihrer hervorragenden sportlichen und menschlichen Leistung mit dem Protest gegen Rassentrennung nachhause geschickt wurden. Man könnte aber auch mal im eigenen Verein anfangen und fragen, wieso dem Sieger des 10km-Straßenlaufs der Sieg jetzt weniger gegönnt werden soll, nur weil er seine Wurzeln in Afrika hat. Bedeutet das, dass er oder sie weniger hart für diesen Erfolg trainiert hat? Schmählert das in irgendeiner Weise die Leistung, wenn ein Mensch eine vermeintlich existente Schallmauer durchbricht? Hat er nicht trotzdem unsere Anerkennung verdient?
Ich habe es leider selbst erleben müssen, dass vor zwei Jahren ein Mann zu mir kam und meinte, dass ich gegen den Afrikaner nur verloren hätte, weil dieser schwarz sei. Zu einer Diskussion kam es gar nicht, weil er zu schnell weg und ich zu perplex war. Ich hätte ihm gerne das gesagt, was ich eben gesagt habe und hoffe, dass der Sieger dieses Laufes den Kommentar nicht mir anhören musste. Festzuhalten ist, dass wir in der Leichtathletik und im Sport, wie der Gesellschaft allgemein, ein Problem mit Ausgrenzung haben. Sei es, dass diese rassistisch, sexistisch oder altersbezogen ist. Dazu muss ich wie gezeigt gar nicht erst in die USA blicken um das zu erkennen, sondern kann Vorort in meinem kleinen Umfeld anfangen.
Die Frage ist nun, wie damit umgehen. Es reicht meiner Meinung nach nicht, wenn man einmal eine schwarze Box auf Instagram teilt und sagt, dass man doch so solidarisch sei. Diese Solidarität muss gelebt werden, durch Denken-Reden-Handeln. Gerade weil die Leichtathletik neben dem Fußball hierzulande die inklusivste Sportart ist, muss sie eine Vorreiterrolle gehen. Man kann nicht mündige Sportler einfordern und dieses dann dafür bestrafen, wenn sie sich zu Ausgrenzung äußern und im Sport ein Zeichen setzen wollen. Alleine dass ein Verband ein Verfahren gegen solche Meinungsäußerungen einleitet, birgt den Anschein, dass der Verband hierin ein ebenso verwerfliches Verhalten wie das Zeigen rechtsradikaler oder ehrverletzender Symbole sehen könnte. Richtigerweise konnte der DFB diese Verfahren nur einstellen und ich hoffe, dass dies für DLV und andere Verbände ein deutliches Zeichen ist. Von mündigen Sportlern zu verlangen, dass sie außerhalb des Sports verantwortungsvolle Vorbilder sind und ein gutes Bild abgeben und mit Beginn des Wettkampfs ein neutrales Wesen werden, dass sich besonders gut vermarkten lässt, ist absurd und zeugt von einer gewissen Schizophrenie. Die Leichtathletik und ihre ureigenen Werte, dass im fairen Wettkampf der Beste gewinnt und am Ende trotzdem keiner als Verlierer vom Platz geht, wäre eine Botschaft, die unserer Gesellschaft sehr gut tun würde. Und eben weil von ihr Einfluss auf die Gesellschaft genommen werden kann, müssen sich auch ihre Probleme in ihr spiegeln und gelöst werden.
"Ich äußere mich nicht dazu, weil Leichtathletik nichts zu tun hat", "Sport und Politik gehören getrennt" oder "das sollen doch andere machen, ich habe damit nichts zu tun" - Silence is violence trifft es wohl am besten. Toleranz bedeutet auch diese Meinungen auszuhalten, ich muss und werde sie aber nicht weiter hinnehmen wollen und sehe auch eine verantwortung nachzufragen, weshalb die Person diese Haltung vertritt. Und sollte sich ein Sportler dazu entscheiden, auf dem Platz oder dem Podium ein Zeichen gegen Ausgrenzung zu setzen, dann sollte er jeden erdenklichen Zuspruch erhalten und sich nicht Sorgen machen müssen, ob er damit eine Linie überschritten und den Verband und Sponsoren gegen sich aufgebracht hat.
Die schwarze Box und alle hashtags dieser Welt dürfen nicht zum stummen Mahnmal werden. Sie sollten uns daran erinnern jederzeit für die Werte, die dahinterstehen, einzutreten. Auf und neben dem Platz.