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Sportlerprofil by Larasch

44. Nikolauslauf Tübingen (Fotos Fabian Knisel)

Tübingen, den 8. Dezember 2019 – Der Perfektion verdammt nahe, so könnte man in einem Satz den 44. Tübinger Nikolauslauf zusammenfassen. Sowohl organisatorisch mit der gewohnten Souveränität als auch in sportlicher Hinsicht, was die gezeigten Leistungen in der Breite und der Spitze angeht. „So schnell musste man vermutlich noch nie laufen, um hier in Tübingen dritter bei den Männern zu werden“, konstatierte der schnellste der LAV-Athleten, Timo Göhler, mit einem verschmitzten Lachen. Womit er wohl Recht hatte, dem wollte auch Gesamtleiter Gerold Knisel nicht widersprechen. Auch mit dem gesamten Ablauf „seiner“ Veranstaltung zeigte er sich sehr zufrieden. „Tolle Leistungen bei denen, die um den Sieg kämpften, gepaart mit einem sehr erfolgreichen Abschneiden unserer Tübinger Männer- und Frauenteams und einen neuen Rekord bei den Finishern, das ist alles mehr als nur erfreulich. Dazu konnten wir wieder annähernd 2000 Euro an Spenden für den Naturpark Schönbuch einsammeln, jeder Teilnehmer kann während des Anmeldevorgangs völlig freiwillig einen beliebigen Betrag leisten, keiner wird jedoch dazu gezwungen. Nicht zuletzt hat auch die medizinische Abteilung keinerlei schlechte Nachrichten von der Strecke überbracht, bis auf kleinere Blessuren gab es nichts nennenswertes, also fällt die Bilanz sehr positiv aus.“

Was die vom (erstmals in 21 Jahren selbst mitlaufenden) Orga-Chef und „Obernikolaus“ Gerold Knisel erwähnten Spitzenläufer angeht, so lassen wir am besten die inzwischen fünffache Siegerin, Anaïs Sabrié, selbst zu Wort kommen: „Das hätte ich nie erwartet, ich hatte den Streckenrekord überhaupt nicht im Visier. Es lief heute sehr gut, die Beine waren gut, aber ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie das zustande kam.“ Schließlich war die zierliche Französin im LAV-Trikot, Mitglied des mit Gold dekorierten französischen Berglauf-Teams, erst vor drei Wochen bei den Weltmeisterschaften in Patagonien angetreten und hatte seither „nur noch nach Lust und Laune trainiert, mal ein wenig flotter, mal ganz gemächlich.“ Fünf Siege stehen nun für sie zu Buche, und „nächstes Jahr trete ich natürlich wieder hier in Tübingen an, es ist schließlich meine zweite Heimat und der Nikolauslauf ist einfach ein super Wettbewerb.“

Die Uhren blieben nach 1:17:25 h stehen, was eine Verbesserung des bisher von Sabrina „Mocki“ Mockenhaupt gehaltenen Streckenrekordes um über zweieinhalb Minuten bedeutete.

Ein Ende ihrer Siegesserie ist nicht in Sicht, mit gerade einmal 25 Jahren gehört sie immer noch zu den jüngeren Teilnehmerinnen, wenn sie auch über einen reichen Erfahrungsschatz an Nikolausläufen zurückblicken kann. Für das sympathische Fliegengewicht geht es jetzt zunächst in eine läuferisch ruhigere Phase, ehe nächstes Jahr das Staatsexamen in Medizin ansteht und dann richtet sie den Blick auf die Teilnahme an einem Marathon, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite.

Die Zweitplatzierte, Katja Fischer, lief im Gegensatz zu Sabrié erstmals in Tübingen und machte den Erfolg der Damen im unverwechselbar blauen Trikot der LAV Stadtwerke Tübingen komplett. Auch sie blieb nicht weit vom (ehemaligen) Streckenrekord entfernt, mit 1:20:52 h gelang ihr ein perfektes Nikolauslaufdebüt. Erst am Vortag aus dem Trainingslager in Kenia zurückgekehrt (wie der Dritte bei den Männern, Timo Göhler), schien dies ihrer Form unmittelbar danach jedoch nicht geschadet zu haben. Ganz im Gegenteil, ging sie doch einfach mal die ersten zwei bis drei Kilometer mit Sabrié mit, musste jedoch beim ersten Mal den Bettelweg hinauf erkennen, dass „Anaïs bergauf einfach eine Klasse für sich“ ist. So beschränkte sie sich von da an darauf, „Platz zwei zu halten“, was ihr auch hervorragend gelang. Als „hart, steil, aber sehr schön“ empfang sie ihr Debüt auf der Tübinger Strecke durch den Schönbuch mit ihren 319 positiven Höhenmetern. Doch auch sie wird sicherlich wiederkommen, zu sehr war sie vom Nikolauslauffieber angesteckt, dies wurde bereits bei der Pressekonferenz deutlich.

Als Dritte durfte sich Nora Kusterer (TuS Griesheim) über eine (weitere) Podestplatzierung in Tübingen freuen. Nora ist Stammgast in der Hölderlinstadt am Neckar, sie hat die Zahl ihrer Teilnahmen „nicht so genau im Kopf, aber so elf oder zwölf sind es schon, die Premiere war vor 14 Jahren“. Dass sie auch am Ende einer „für mich echt gebrauchten Saison“ noch zu tollen Leistungen fähig ist, zeigte sie am vergangenen Sonntag. Sie lag lange hinter Nicole Moebus auf Rang vier, ging auf dem Schlussabschnitt Richtung Waldhäuser Straße, wo der Wind kräftig von hinten blies, an dieser vorbei und rettete in 1:23:24 h einen Vorsprung von 13 Sekunden auf Moebus ins Ziel bei Sprecher Gert Hänsel. Damit standen auch die beiden schnellsten der W30 fest, W40-Siegerin Katrin Ochs (BIGGER BANG TEAM) sollte nach 1:27:29 h folgen, dazwischen lagen mit Isabelle Werminghausen (Intersport Räpple), Marlene Windisch und Karoline Brüstle ausschließlich Athletinnen der Hauptklasse.

Ein erfreuliches Signal, dass gerade auch die jüngeren Jahrgänge den Tübinger Läuferwettstreit annehmen und dadurch das Durchschnittsalter beim Nikolauslauf erstaunliche 41,2 Jahre beträgt.

Deutlich jünger als der Durchschnitt und sehr viel schneller war logischerweise der Sieger der Männer. Florian Orth, 30 Jahre jung, ist in der Läuferszene praktisch nur als Bahnläufer bekannt. Erstmals nach Tübingen „verirrt“ hat sich der für die LG Telis Finanz Regensburg laufende Hesse erst kurzfristig. Eine Anfrage seines Managements wenige Tage vor dem Lauf wurde positiv beschieden und so stand Orth neben Thorben Dietz (Intersport Räpple), dem Vorjahressieger, und der geballten Tübinger Läuferarmada um Timo Göhler (Synovo GmbH), Lorenz Baum, Peter Obenauer und Michael Wörnle (alle LAV Stadtwerke Tübingen) ganz vorne in der Startaufstellung.

„Die haben von Anfang an brutal aufs Tempo gedrückt, darauf war ich gar nicht eingerichtet“, so Timo Göhler später zum Rennverlauf. Alsbald bestand die Spitze nur noch aus dem Duo Dietz/Orth, ein Duell, das es „seit wir 14 Jahre alt sind“ schon diverse Male auf der Bahn und der Straße gegeben hatte – mit immer demselben Ausgang, wie Dietz augenzwinkernd bei der Pressekonferenz anmerkte. „Ich habe ihn erstmals dieses Jahr in Siegburg bei der Deutschen Meisterschaft 10km schlagen können“, so der Vorjahressieger Dietz über die Dominanz des schnellen Zahnarztes Orth. „Vielleicht wollte er sich für diese Niederlage ja revanchieren“, mutmaßte der sichtlich zufriedene Dietz noch, der sich mit dem Silberrang mehr als glücklich zeigte. „Ich war drei Minuten schneller als letztes Jahr bei meinem Sieg, was will ich mehr?“ Doch selbst eine 1:08:43 h reichte in diesem Jahr eben nicht für den Platz ganz oben auf dem Treppchen – wegen Florian Orth.

Dieser hätte sein Debüt beim Nikolauslauf beinahe noch, neben dem Sieg, mit dem Streckenrekord gekrönt. Diesen hatte er – ähnlich wie Anaïs Sabrié – überhaupt nicht anvisiert, da er ja die Strecke nicht kannte. Am Vorabend hatte er zwar den Bettelweg und das den Abschnitt hinauf zum höchsten Punkt inspiziert, doch „wenn man den Bettelweg hochrennt, erst dann weiß man wirklich, dass es hier schwer ist.“

Doch die Konkurrenzsituation mit Thorben Dietz und das wellige Profil schienen Orth eher zu beflügeln, als zu hemmen und so zog er von seinem „Dauerrivalen“ an einem der Anstiege der zweiten Runde unaufhaltsam davon. Gemeinsam hatten sie die 10km-Marke nach 31:54 min passiert, doch Orths Vorsprung wuchs bis ins Ziel noch auf 73 Sekunden an. Nach 1:07:30 h war er die zweitbeste je gelaufene Zeit gerannt und das, obwohl er im Gespräch hinterher bekannte: „Ich wusste, dass es hier schwer sein muss, da die Sportler, die ich so kenne, hier immer eine 1:08 oder 1:09 laufen, obwohl sie flach zu einer 1:05 in der Lage sind.“

Nach seinen Zukunftsplänen befragt, äußerte der frischgebackene Nikolauslaufsieger, dass er „nächstes Jahr schon noch eine Bahnsaison plant. Toll wäre natürlich die Qualifikation für Olympia in Tokio, aber auch die EM in Paris ist eine große Motivation für mich. In Paris hat nämlich vor Jahren alles für mich begonnen mit der Teilnahme an der Hallen-EM.“ Aufhören, das will er noch (lange) nicht – auch die European Challenge 2022 in München kann er sich vorstellen, um dort dann seine leistungssportliche Karriere zu beschließen. „Läufer bleibt Läufer“, so gab er jedoch gleich im Anschluss zu verstehen, dass auch jenseits des Leistungssports für ihn das Laufen immer Bestandteil seines Lebens bleiben wird.

Das gilt sicherlich auch für die Mehrzahl der Nikolausläufer – jeder eben auf seinem eigenen läuferischen Niveau. Für viele gehört eines genauso zur Weihnachtszeit wie Plätzchen, Lebkuchen und Adventskränze: Die Teilnahme beim Nikolauslauf. Auf der in diesem Jahr neu vermessenen Strecke können alle nach ihrer Fasson glücklich werden: Als leistungsorientierte Spitzenläufer um Zeiten und Platzierungen kämpfen oder mit vielen Gleichgesinnten einen herrlichen, aber fordernden Lauf durch den reizvollen Schönbuch gemeinsam erleben. Auch im nächsten Jahr wieder zum kleinen Jubiläum (45. Auflage), passend genau am Nikolaustag.

Mehr Informationen, Zahlen, Fakten und Statistisches sowie Bildmaterial sind auf der Homepage des Nikolauslaufes und in den sozialen Netzwerken zu finden.

 

Link zur Homepage und zu den Ergebnissen: www.nikolauslauf-tuebingen.de