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Sportlerprofil by Larasch

2019 - Das augenscheinliche Jahr im Regen

Das Jahr 2019 begann für mich so, wie 2018 aufgehört hatte: Rund. Im Januar war ich erstmals im Höhentrainingslager in Kenia. Ich konnte trainieren, jede Einheit lief scheinbar optimal und meine Form wurde besser und besser. Okay, auch dieses Jahr hatte ich dann im Februar wieder meine jährliche Grippe. Aber auch die konnte ich gut überwinden und pünktlich zum ersten Highlight der Saison, dem Halbmarathon Anfang April in Berlin, fühlte ich mich so fit, wie nie zuvor. Das logische Resultat war eine Steigerung meiner Bestleistung um mehr als eine Minute auf 71:39min. Die Verteidigung des Deutschen Meistertitels und die Olympiaqualifikation in 3 Wochen beim Düsseldorfmarathon schienen nur noch Formsache. Drei Tage später dann im Training hatte ich ein komisches Gefühl an der Außenkante meiner rechten Ferse. Die Peronaeussehne war leicht geschwollen und tat etwas weh. Na ja, nicht weiter schlimm. Etwas entlasten und das übliche „Sehnenprogramm“ und dann wird das schon. Nach drei Tagen Ruhe dann der erneute Laufversuch: wieder Schmerzen, diesmal schlimmer mit jedem Schritt. Oh je, das war kein typischer Sehnenschmerz, der sich bei Laufen normalerweise bessert und erst hinterher wieder bemerkbar macht. Also auf ins MRT um sicher zu gehen, dass es wirklich nur die Sehne ist. Dann der Schock. Ermüdungsbruch im rechten Fersenknochen. Marathon futsch, mindestens 2 Monate Laufpause und die garantierte Aussicht auf stundenlanges Schinden im Wasser, auf dem Rad und im Kraftraum. Gerade gefühlt ganz oben angekommen und eine Sekunde später auf dem Boden. FRUST!

Also machte ich erst einmal 3 Wochen Saisonpause und erholte mich vor allem mental. Es folgte ein Sommer ohne Trainingslager, ohne Bahnsaison und mit schrittweisem Wiederaufbau der Lauffähigkeit. Die langen Radeinheiten am Wochenende hatten sogar etwas für sich, denn so konnte ich viele schöne Touren austesten und musste nicht immer die altbekannten Runden drehen. Der Heilungsprozess verlief unkompliziert und Anfang September war ich wieder soweit ein volles Programm zu trainieren. Meine Form war zwar noch deutlich schwächer, als im Frühjahr, aber ich hatte wieder richtig Lust zu laufen. Also entschloss ich mich für einen Start bei den Deutschen Straßenmeisterschaften über die 10km. Es lief überraschend gut, ich lief sogar an meine Bestleistung aus dem Frühjahr heran. Fabienne war wieder da! Durchatmen! Oder? Mit dem erfolgreichen Comeback kam das nächste Problem: die rechte Wade konnte das Training nicht verkraften und eine Verhärtung des tiefen Wadenmuskels war die Folge. Was nun? Noch 6 Wochen bis zum Marathon und die wichtigste Trainingsphase direkt vor der Nase. Was nun? Drei Wochen Pause? Weitermachen und durchbeißen? Eine schwere Entscheidung. Wir entschieden uns weiter zu machen und alles an begleitenden Maßnahmen auszuschöpfen, solange die Trainingsleistungen stimmten. Was folgte waren wohl die härtesten Wochen meines Lebens. Noch nie musste ich mich mental so pushen um den Schmerz auszuhalten, der bei jedem Training wiederkam, aber weder besser noch schlimmer wurde. Die Leistungen waren gut, aber es wurde von Woche zu Woche härter. Zwei Wochen vor dem Marathon in Frankfurt konnte ich dann nicht mehr: der Kopf war am Ende und mürbe von den andauernden Schmerzen. Ich hatte kein Vertrauen mehr in meinen Körper und in meine mentale Stärke. Ich traf die vielleicht schwerste Entscheidung meines Lebens, ich sagte auch den zweiten Marathon dieses Jahr ab.

Der zweite Schlag in die Magengrube saß tief. Es war auch klar, dass ich die Cross-EM dieses Jahr verpassen und das Jahr ohne Medaille bei nationalen oder internationalen Meisterschaften beenden würde. Aber die Gesundheit geht nun einmal vor. Also wieder erholen, wieder ein Neuaufbau.

Nun ist Weihnachten, ich kann 90% meines gewohnten Pensums wieder beschwerdefrei trainieren und so langsam kommt das Vertrauen in meinen Körper wieder. Schritt für Schritt taste ich mich wieder an das Gefühl vom Anfang des Jahres heran, als ich mich so stark, so fit fühlte.

Was bleibt nun von diesem Jahr? Rein sportlich gesehen war es tatsächlich die totale Katastrophe. Doch sind es nicht gerade diese Zeiten, die aufzeigen wer einfach nur gut ist und wer ein wahrer Champion ist? Anfang November war ich im Olympia-Museum in Lausanne. Ich wollte wissen, was ist denn nun eigentlich dieser olympische Geist, von dem alle sprechen? Was zeichnet einen Champion aus? Als ich das Museum wieder verließ war mir klar: Erfolg ist mehr als Titel und Triumphe. Erfolg ist mehr als nur diszipliniertes Training. Erfolg ist die tägliche Begeisterung für das Neue. Erfolg ist die Bereitschaft jeden Tag die eigenen Grenzen auszutesten, um sie zu überwinden. Dabei geht es darum sich selbst weiterzuentwickeln und der oder die Beste zu werden die man sein kann. Also schneller, stärker, aber auch klüger, unabhängiger, entschlossener, selbstbewusster. Ein Champion ist nicht nur außergewöhnlich gut in dem was er tut. Er oder sie ist auch eine große Persönlichkeit, die andere inspiriert und mit Mut und Hoffnung vorangeht, in den guten und besonders auch in den schweren Zeiten. So gesehen war 2019 für mich gar kein Jahr im Regen. Ich habe mich weiterentwickelt. Als Sportlerin, als Mensch und als Akademikern. Ich habe die Herausforderungen angenommen und versucht das Bestmögliche daraus zu machen.

Und ein Highlight gab es dann doch dieses Jahr: ich habe geheiratet. 2019: auf jeden Fall ein denkwürdiges Jahr und eines aus dem ich mit Mut und Optimismus gehe und voller Vorfreude in die Zukunft blicke. Vielleicht scheint 2020 wieder die Sonne. Und vielleicht heißt es auch für mich am 24. Juli in Tokyo: „Aisatsu“! Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch! Eure Fabienne!