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Sportlerprofil by Larasch

Mizuno Half Marathon – TCS Amsterdam Marathon 2019

Eine neue lange Reise wartete auf mich am 20.10.2019. Der Ort war dieses Mal die niederländische Grachtenstadt. Während ich letztes Jahr bei meinem Debüt auf der Halbmarathon-Distanz an der Startlinie der italienischen Meisterschaft mit zirka 200 Mädels stand, zählte das Teilnehmerfeld beim Amsterdam-Halbmarathon fast 6000 Läuferinnen. Die Schnellste kam aus Frankreich und gewann mit einer Zeit von 1:15:14. Ich belegte den fünften Platz und lief in 1:21:31 eine neue persönliche Bestzeit um etwa zwei Minuten. Zum ersten Mal nahm ich an einer so großen Veranstaltung teil und ich empfand allein schon die Suche nach dem Startbereich als eine große Herausforderung. Einige Mizuno-Mitläufer aus Duisburg nahmen mich unter ihre Fittiche, da sie die gleiche Endzeit anstrebten. Hier nochmal ein herzlicher Dank dafür.

Man konnte an dem Tag spüren, wie alle Teilnehmer heiß aufs Laufen waren. Um 13:20 Uhr drückten meine Gruppe und ich gleichzeitig die Stoppuhrtasten und begannen uns wie an einer Perlenkette aufgereiht nacheinander durch die Menschenmasse zu bewegen. Obwohl wir ziemlich weit vorne starteten, sammelten wir Schritt für Schritt Läufer ein. „Wo kommen die denn alle her?“, fragte ich mich erstaunt. Ich versuchte, meine Gruppe im Blick zu behalten und mich zu entspannen. Meine Taktik hatte sich gegenüber dem letzten Jahr nicht verändert: Die ersten zehn Kilometer sollten locker sein und dann wollte ich richtig durchstarten. Gebäude, Musikbands und Zuschauer flogen an mir vorbei. Kurz vor der 5-Kilometer-Marke liefen wir über eine Brücke. Ich drehte mich nach rechts und links und versuchte die landschaftliche Schönheit zu genießen. Dann gab es eine Haarnadelkurve nach rechts und als die Straße ein wenig bergab ging, konnte ich es gut laufen lassen. Plötzlich hörte ich Geschrei: „Isostar, Wasser, Schwämme“. Ich war sehr konzentriert und wurde davon ziemlich überrascht. Alles lief an mir so schnell vorbei, dass ich sogar die Wasserstation vergaß. Nach fünf Kilometern sah das Feld nicht mehr so chaotisch wie am Anfang aus und ich konnte jetzt eine größere Gruppe erkennen, in der ich mittendrin war. Wir waren etwa zehn, die die gleiche Pace hatten. Meine Begleitpersonen bestimmten vorne ein konstantes und perfektes Tempo. Mein Blick war an den Nacken meines Vordermanns geheftet. Zwei Trikots leuchteten vor meinen Augen: Das weiße von Litauen und eins mit der Flagge von Südafrika. Auffallend war ein dritter Mann mit einem blaugelben Trikot, der einen sehr langen Schritt lief. Ich fühlte mich wohl und stabil. Wir liefen weiter wie kleine Wassermoleküle in einem Flussbett: dicht, harmonisch und frisch. Die Schilder zeigten jetzt den Kilometer zehn an und ich war zwar noch an der Gruppe dran, aber eine kleine Lücke um wahrscheinlich zehn oder zwanzig Meter hatte sich zwischen uns aufgetan. Es ging mir gut, aber ich spürte eine leichte Tempoverschärfung und ich wollte es nicht übertreiben. Ich schaute mich um: Ein Gewerbegebiet und grauen Himmel sah ich um mich herum. „Na gut ... es muss nicht immer alles hübsch aussehen“. Wenige Minuten später bemerkte ich, dass die Gruppe mir weglief: „Clara bleib dran!“ Fremde Arme streckten sich wieder zu uns Läufern aus und Geschrei tönte in meinen Ohren: Eine weitere Wasserstation war da. Zwei Schwämme rutschten aus meinen Händen weg und fielen auf den Boden. Ich lief unberührt weiter. Ich fühlte mich, als ob ich diese kleine Lücke zu der Gruppe nicht mehr schließen konnte und versuchte zu verstehen, was los war. Der untere Teil vom rechtseitigen Oberbauch tat mir weh und ich fühlte mich wie gestochen. Ich atmete tief ein. Eine scharfe Kurve führte mich nach rechts. Ich schaute nach vorne: Die Gruppe war weg. Im Nu wurde alles anderes als ich mir das vorgestellt hatte. Es war erst Kilometer zwölf. Ich dachte an meine Laufschwester Hanna, die mir einmal sagte: „Wenn ich Seitenstechen bekomme, versuche ich zu pusten, als ob ich einen Luftballon aufblasen würde.“ Danach dachte ich an meinen Trainer Kurt: „Hand auf die schmerzende Stelle beim Einatmen auflegen, fest drücken und beim Ausatmen losen!“, flüsterte mir seine Stimme aus der Ferne.

Ich musste diese Schmerzen vertreiben. Es war zu früh, um Probleme zu haben. Langsam wurde es besser und ich versuchte mich von der Atmosphäre ablenken zu lassen. Freundliche Stimmen unterstützen uns Läufer. Bei der 14-Kilometer-Marke kam die fünfte Versorgungsstation. Dabei konnte ich einen Schwamm zugreifen, mich erfrischen und meine Lippen nass machen. Mein Tempo hatte sich schon um zwischen fünf und zehn Sekunden pro Kilometer verlangsamt, aber ich ließ mich nicht entmutigen. Der Mann mit dem langen Schritt war wieder da. Nun kam noch eine scharfe Linkskurve und gesellige Stimme riefen meinen Namen: „Well done Clara! Come on!“ Es war tatsächlich sehr nett die Wärme der Zuschauer zu spüren. Ich kam in das Stadtzentrum. Die Schmerzen am Bauch störten mich nicht mehr so sehr, aber meine Fußsohlen fingen an zu brennen. „Perfekt!“ dachte ich mir sarkastisch. Diesen Schmerz hatte ich schon mal bei einem 10-Kilometer-Lauf letztes Jahr gehabt und ich habe bis heute nicht herausgefunden, wie ich den wegkriege. Plötzlich sah ich auch das Trikot vom Läufer aus Litauen vor mir und ich holte ihn wieder ein. Jeder Schritt wurde schmerzhaft, aber ich hatte immer wieder Leute um mich herum, die mich von den Schmerzen ablenkten und ich konzentrierte mich einfach auf meinen Laufstil. Mein Tempo wurde wieder schneller. Ich versuchte, mich von außen zu beobachten. Plötzlich hörte ich bei Kilometer sechzehn eine familiäre italienische Stimme: „Forza Clara, bravissima“. Mein Papa stand auch an der Strecke. Dazu wurde ich vier Kilometer lang, bis Kilometer achtzehn vom Filmteam von Larasch auf dem Fahrrad verfolgt. Diese ganze Unterstützung verstärkte meine Motivation sehr. Ab dem Vondelpark war ich wieder alleine, aber da wusste ich, dass das Ende schon ziemlich nah war. Im Park holte ich viele Marathonläufer ein und ab und zu traf ich noch vereinzelt Halbmarathonläufer. Mein ganzer Körper tat weh und ich hatte zu kämpfen. Ich wurde wieder langsamer und wollte einfach nur noch ankommen. Der Park befand sich nun hinter mir: „Wo ist das Stadion?“ Es fehlte noch ein Kilometer, der sich ewig lang anfühlte. Ich vertiefte mich wieder in meinen Konzentrationstunnel und plötzlich sah ich die fünf Olympischen Kreise. Nur meine Arme konnten mich noch nach vorne bringen und so schaffte ich es auch diese Ziellinie zu überqueren.

Ich brauche immer etwas Zeit, um einen Wettkampf kritisch zu analysieren und zu verarbeiten. Nach einem Tag taten die Füßen nicht mehr weh, aber die Schmerzen an der Seite meines Bauchs brauchten schon drei Tage, um komplett zu verschwinden. Hingegen waren meine Beine schon nach dem Lauf frisch und das lässt mich positiv in die Zukunft blicken. Nicht immer läuft alles wie gewünscht und gedacht, ansonsten wäre auch alles zu eintönig und langweilig. Amsterdam war für mich ein harter Lauf, der ein Training für meinen Kopf war und aus dem ich mitnehme, dass das Laufen nicht nur aus der physischen Bewegung besteht. Man muss ganz schon viel mitdenken und auf mehrere Faktoren achten. Deswegen werde ich mich weiter mit verschiedenen Themen auseinandersetzen, um unangenehme Überraschungen künftig zu vermeiden. Mit dieser Erfahrung kann ich nur zufrieden sein und damit beende ich eine positive und bereichernde Saison. Die neue fängt mit dem Kapitel „Cross Countries in the Emerald Isle“ an und ich freue mich auf den nächsten Bericht schon sehr.

 

Liebe Grüße aus Irland,

Clara