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Sportlerprofil by Larasch

Die Utopie der Olympianorm

Eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen ist für die meisten Athleten ein großer Traum, für die meisten bleibt er aber auch unerfüllt. 2016 keimte ein wenig Hoffnung in mir auf, als Julian Flügel, Philipp Pflieger und auch Hendrik Pfeiffer die Norm für den olympischen Marathon erfüllten, da die gesetzte Norm von 2:14:00h immerhin nicht außer Reichweite schien. Ich wollte es zumindest vier Jahre später auch versuchen. Jetzt wurden aber die internationalen Qualifikationskriterien deutlich verschärft und die A-Norm wurde auf 2:11:30h festgelegt. Das ist ein Kilometerschnitt von 3:07 Minuten. Eine weitere Möglichkeit sich zu qualifizieren besteht über ein kompliziertes System. Um es einfach auszudrücken: Du musst zwei Marathons bei gut besetzten Veranstaltungen laufen und je nach Ergebnis bekommst du eine Punktzahl. Die Chance sich über dieses System zu qualifizieren ist aber eher gering.

Nur elf deutsche Athleten liefen jemals schneller als 2:11:30 Stunden

 

Ich bin in Berlin 2:14:54h gelaufen. Damit hätte ich auch 2016 die Norm für Rio verpasst, aber 54 Sekunden sind im Vergleich zu 3:24 Minuten immer noch harte Arbeit, aber deutlich leichter zu verbessern. Schaut man alleine mal in die ewige deutsche Bestenliste, zeigt sich, dass auch in der Vergangenheit nur elf Leute überhaupt jemals die heutige Norm aus deutscher Sicht erfüllt haben. Aber das bedeutet ja nicht, dass man es nicht zumindest versuchen kann. Grenzen sollte man sich nie setzen, aber realistisch sollte man schon bleiben. Und so halte ich nach Einschätzung meiner eigenen Leistungsfähigkeit die Chance für relativ gering, die verbleibenden 3:24 Minuten schneller zu laufen. Auch wenn ich der Meinung bin, dass ich mit einer längerfristigen strukturierten Vorbereitung noch einen schnelleren Marathon laufen könnte, möchte ich mir den Druck selbst nehmen und eben keinen direkten Angriff auf die Norm versuchen. Das heißt noch nicht, dass ich im Frühjahr keinen Marathon laufen werde, sondern lediglich, dass ich keinen Kamikazelauf unternehmen möchte. Auch meine derzeitigen Bedingungen lassen diesen Entwicklungssprung gar nicht zu. 

Leistungsentwicklung mit geringen Mitteln

Ich trainiere hauptsächlich in Kassel. An und für sich gibt es hier tolle Trainingsmöglichkeiten. So steht uns zweimal die Woche das Auestadion zur Verfügung, leider aber nur von 16 - 20Uhr und nur dienstags und donnerstags. Flexible Bahneinheiten sind so leider nicht möglich, wären aber für die Einhaltung von Regenerationszeiten dringend notwendig. Ansonsten bietet die Stadt diverse Strecken mit unterschiedlichen Profilen und Untergründen. Leider gibt es in Kassel keine Halle mit einer Laufbahn. So bin ich im Winter gezwungen auf eisglatten Straßen und rutschiger Bahn meine Intervalle zu absolvieren. Für die Kraftausdauer sicherlich ein Gewinn, die Verletzungsgefahr ist jedoch enorm. Die nächste Halle wäre in Paderborn, die ich auch nutze, aber der Zeitaufwand ist riesig. Eine Mehrzweckhalle wo wir zumindest im Winter Kraftzirkel machen können, steht uns zur Zeit leider auch nicht zur Verfügung. Da bliebe noch ein Fitnessstudio, nur leider erlaubt das meine finanzielle Lage nicht. 

Ich habe keinen Ausrüster. Ich habe häufig nur ein Paar Laufschuhe für Dauerläufe und ein Paar für schnellere Einheiten. Bei Kilometerumfängen von bis zu 200km muss man nicht gut rechnen können, um zu wissen, dass die Laufschuhe nicht lange leben. Die Immovation AG um Lars Bergmann und der Kassel Marathon und meine Eltern unterstützen mich sehr gut. Außerdem bin ich Teil der geförderten Athleten bei Larasch. So kann ich zumindest einmal im Jahr für zwei Wochen ins Trainingslager nach Portugal fahren. Höhentrainingslager würde ich natürlich auch gerne probieren. Kenia oder Sankt Moritz sind definitiv wünschenswerte Ziele. Zur Zeit aber nicht realisierbar. Ich bin in keinem Kader. Die Möglichkeit für Physiotherapie steht mir zumeist nur alle zwei Wochen zur Verfügung, dafür bin ich dankbar. Aber wie schon bei den Laufschuhen, fühlen sich die hohen Umfänge zum Teil wie Raubbau an meinem eigenen Körper an.

Ich möchte damit nicht den Eindruck erwecken, dass alles schlecht ist. Ich habe es jedes Jahr geschafft mindestens eine ansprechende Leistung zu erzielen, auch mit meinen begrenzten Mitteln, aber es ist mir bisher noch nicht gelungen eine wirklich konstante Leistungsentwicklung über einen längeren Zeitraum zu realisieren. Ich glaube, ich kann noch viel schneller laufen. Dazu brauche ich ein professionelleres Umfeld, um ein längerfristiges strukturiertes Training absolvieren zu können.  

Der Traum lebt

Meine eigene Erwartungshaltung ist schon sehr hoch, die Erwartungshaltung von außen ist manchmal jedoch erdrückend, wenn sich die Fragen nur noch um die Olympiaqualifikation drehen.

Ich habe einmal von der Teilnahme bei einer Olympiade geträumt, ich setze mir keine Grenzen, aber die Chance ist extrem gering. Deshalb nehme ich mir selbst den Druck und gehe einen Schritt nach dem anderen und sollte es sich im Training andeuten, werde ich es versuchen.

Euer Jens