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Sportlerprofil by Larasch

Köln Marathon: Ein Sieg über mich selbst

Nachdem ich mich ein weiteres Mal aus einer längeren Verletzungspause zurückgekämpft hatte, war ich nun sehr froh wieder auf ein sportliches Ziel hinarbeiten zu können, das über das reine Gesundwerden hinausgeht. Mein Tatendrang war groß und da das Training monatelang sehr gut lief, zeichnet sich immer deutlicher ab, dass ich einen Angriff auf die Olympianorm wagen möchte. Als ich mich am 13. Oktober an der Startlinie befand, lag mehr als ein halbes Jahr hartes Training hinter mir, in dem neben dem Sport und meiner Arbeit wenig Zeit für anderes blieb. Jeder Tag führte zu diesem Moment, in dem sich alles entscheiden sollte. Alles oder nichts. Volles Risiko.

Neben der Olympianorm, auf die ich auch im kommenden Jahr noch eine Chance habe, stand für mich viel auf dem Spiel: Es ging um Verträge, Förderung und Kaderzugehörigkeit und natürlich auch darum, das halbe Jahr Arbeit in Erfolg umzuwandeln. Denn genau das macht den Marathon so spannend. Es gibt nur eine Chance. An diesem Tag muss alles passen und gleichzeitig sind wenig Disziplinen so unberechenbar wie der Marathon – alleine schon wegen der Streckenlänge.



In dieser Mischung aus Druck und Vorfreude gelang es mir am Start dennoch sehr gut, die Konzentration zu wahren und die enorme Zuschauerresonanz in positive Energie umzuwandeln. So viele aufmunternde Worte und Schulterklopfen – Kölns tolles Publikum ist ein absoluter Trumpf dieses Marathons. Dann ging es los! Energie sparen und mich hinter den Tempomachern verstecken war die Devise auf der ersten Streckenhälfte. Meine drei kenianischen Pacer kannte ich zum Teil gut und ich war zuversichtlich wie abgesprochen bis Kilometer 35 begleitet zu werden. Dies sollte ein wichtiger Faktor sein, denn schon auf der Rheinbrücke bei Kilometer 1 merkte ich, wie stark der Wind heute blies.

Mein Betreuerstab mit Coach Tono, meinem Freund Johannes Eisinger aus Herxheim und Dominik Fabianowski, der mir die Getränke anreichen sollte, war super aufgestellt. Zudem waren dutzende Freunde und meine Familie an der Strecke. Ich war bereit und wir waren auf Kurs. Zunächst noch ein paar Sekunden über dem Olympia-Tempo und ab Kilometer 10 genau drauf. Ich fühlte mich locker und bislang lief alles rund. Mich störte lediglich, dass meine Tempomacher zu dritt nebeneinander liefen, anstatt sich gegenseitig zu schützen. Wir würden unsere Energie sicherlich noch brauchen. Leider verstanden meine Tempomacher diese Anweisung mehrfach nicht und ich beschloss, wieder in den Konzentrationstunnel zurückzukehren. Die Stimmung war gewaltig, vor allem, als das große Feld mir entgegenkam. Gefühlt wusste jeder auf der Strecke, wer ich bin. Köln ist echt zu meinem Wohnzimmer geworden.

Das positive Gefühl sollte kurz vor Kilometer 15 einen ersten Dämpfer bekommen. Ich sah meinen verzweifelten Kumpel Dominik wild gestikulierend meine Flasche suchen, doch sie war nicht da. Das alternative Wasser im Pappbecher kam bei der Geschwindigkeit von 19 Kilometer pro Stunde leider nicht am Mund an. Ein Ausrutscher?

Kurz danach kam das nächste unerwartete Problem. Mein Pacer Dickson, der mich bis Kilometer 30 begleiten sollte, verlor schon bei der Hälfte seiner Distanz an Boden und stieg bald aus. Das war so nicht geplant und beunruhigte mich. Als auch bei der vierten Station kein Getränk vorhanden war, wurde ich sehr nervös und schrie meine Betreuer an. Denn ohne Getränke steigt das Krampfrisiko jenseits der 30 Kilometer enorm. Bei meinen Betreuern und dem Athletenmanager Thomas brannte es schon längst lichterloh. Wie können einfach so die Flaschen verschwinden?





Immerhin passierten wir den Halbmarathon nach 1:05:32 und ich fühlte mich immer noch entspannt. Ich dachte zum ersten Mal ernsthaft daran, dass ich die 2:11:30 tatsächlich knacken kann, auch wenn das Drumherum bislang holprig war. Auch bei Kilometer 25 lagen wir weiter auf Kurs, wie ich nach einem zufriedenen Blick auf die Uhr feststellte. Doch der nächste Blick nach links verhieß nichts Gutes: Mitku war weg. Auch meinen zweiten Pacer hatte es viel zu früh erwischt und mein dritter Pacer Patrick, der mich durch das schwierige Streckenstück bis Kilometer 35 führen sollte, sah auch nicht mehr locker aus.

Das täuschte nicht. Einen Kilometer später war auch er weg und ich wusste, dass es jetzt kritisch wird. Ein paar Kilometer hielt ich das Tempo von 3:07/km – dann kam eine Kurve und der Wind blis auf einer endlosen Gerade genau von vorn. Willkommen in Köln-Nippes – dem Todesabschnitt. Zwar lag ich auch bei Kilometer 35 noch auf einer guten Zielzeit, doch da ich mittlerweile ein weiteres Getränk nicht erhalten hatte, war ich längst von Krämpfen geplagt und von Wind gebrochen. Es ging längst nur noch ums lebendige Ankommen. Eventuell ließe sich noch eine Bestzeit retten, dachte ich. Doch nachdem ich für den 5-Kilometer-Abschnitt von 35 bis 40 über 18 Minuten brauchte – also nichtmal mein normales Dauerlauftempo – war auch das außer Reichweite. Selbst bei Kilomter 40, als die Leute in 4er-Reihen an der Straße standen und mich nach Kräften anfeuerten, wusste ich nicht, ob ich heute den Dom erreichen sollte. Unter größten Qualen torkelte ich dann doch ins Ziel. Nach indiskutablen 2:15:19 Stunden, aber immerhin als Sieger, vor allem als Sieger über mich selbst.


Überraschenderweise befiel mich zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von Enttäuschung. Heute bestand einfach keine Chance auf die 2:11er-Zeit für die alles passen müsste. Ich war stolz, dieses Ding durchgezogen zu haben. Mal hat man Glück, mal hat man Pech. Heute war es letzteres. Meine Chance wird kommen!

HIER geht's zum WDR-Bericht!

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PS: Kennt ihr schon den neuen larasch-Podcast? Amanal Petros und ich habe mit dem larasch-Team den ersten Podcast aufgenommen. HIER geht's weiter.